NABU fordert vom Land Konzept für Wildtierauffangstationen,konsequenten Klimaschutz und schnellere Klimaanpassung.

Die Hitzewelle mit Rekordwerten bis 40 Grad bereits im Juni hat am Wochenende nicht nur Krankenhäuser ans Limit gebracht. Zehn Hitzetage in Folge und tropische Nächte lassen Menschen und Tiere ohne Erholungspausen. Die Folgen sind auch für die Natur im Land teils dramatisch.
Während sich mobile Tiere in naturnaher Umgebung an kühlere Orte zurückziehen können,sind andere der Hitze schutzlos ausgesetzt. Besonders betroffen sind Gebäudebrüter wie Mauersegler,Schwalben und Haussperlinge. Ihre Nistplätze unter Dächern und in Gebäudenischen heizen sich bis auf 60 Grad und mehr auf. Um der tödlichen Hitzefalle zu entfliehen,stürzten am Wochenende vielerorts noch nicht flugfähige Jungvögel auf der Suche nach einem kühleren Ort aus dem Nest. Die Folge: sehr viele tote,verletzte und geschwächte Tiere,die zum Teil in Pflegestationen gebracht wurden.
„Wegen der extremen Hitzewelle ist die Kapazität vieler Vogelpflegestationen erschöpft. Auch das NABU-Vogelschutzzentrum musste am Freitag einen Aufnahmestopp verhängen. Wir sind komplett belegt und arbeiten an der Belastungsgrenze“,teilt der Leiter des NABU-Vogelschutzzentrums in Mössingen,Daniel Schmidt-Rothmund,mit. Allein am Donnerstag wurden 60 hilfsbedürftige Mauersegler,Schwalben und Spatzen dort abgegeben. Im ganzen Land kümmern sich Menschen auch ehrenamtlich in ihrer Freizeit rund um die Uhr um verletzte Vögel.
„Unsere Natur ist nicht irgendwann in der Zukunft von der Klimakrise bedroht – sie ist bereits heute am Limit. Immer frühere und intensivere Hitzewellen treffen viele Tiere mitten in der Brut- und Aufzuchtzeit. Unter den Arten gibt es deutlich mehr Klimaverlierer als -gewinner. Sie brauchen jetzt schnelle Hilfe. Die Landesregierung darf das Ehrenamt mit dieser Krise nicht allein lassen“,warnt der NABU-Landesvorsitzende Johannes Enssle. Er fordert Landwirtschaftsministerin Marion Gentges daher auf,das seit rund zehn Jahren angedachte und im Koalitionsvertrag angekündigte Konzept für Wildtierauffangstationen endlich mit hoher Priorität anzugehen. „Die wenigen Wildtierauffangstationen und ehrenamtlichen Pflegestellen im Land sind permanent überlastet. Ihre Arbeit beruht zu einem großen Teil auf privater Initiative,Spenden und dem außergewöhnlichen Einsatz von Ehrenamtlichen. Doch durch extreme Wetterereignisse steigen die Zahl der Notfälle,der Pflegeaufwand und die Kosten. Es ist Zeit zu handeln“,so Enssle.
Das Landeskonzept solle anerkannte Pflegestationen zentral erfassen,besser vernetzen und fachlich unterstützen. Notwendig seien klare Zuständigkeiten,eine landesweite Ansprechstelle und eine verlässliche Finanzierung für die Versorgung verletzter und hilfsbedürftiger Wildtiere. „Die betroffenen Verbände,Einrichtungen und ehrenamtlichen Pflegestellen müssen frühzeitig in die Erarbeitung des Konzepts einbezogen werden“,so Enssle weiter.
Konsequenzen ziehen aus aktueller Hitzekrise – das fordert der NABU:
Klimaschutz konsequent vorantreiben
Die Weltgemeinschaft und damit auch wir in Deutschland müssen unsere Klimaschutzziele konsequent verfolgen und wirksame Maßnahmen zur schnellen Senkung der Treibhausgasemissionen umsetzen. Denn jeder weitere Temperaturanstieg verschärft den Druck auf uns Menschen,auf Tiere,Pflanzen und ihre Lebensräume.
Grün-blaue Infrastruktur kühlt und hält Wasser in der Landschaft
Baden-Württembergs Städte und Gemeinden sind Hotspots in der Klimakrise. Versiegelte Flächen,fehlendes Grün,verbaute Gewässer und zu wenig Luftaustausch durch zu dichte Bebauung schaffen Wärmeinseln und lassen Menschen und Tiere leiden. Besonders betroffen: der Oberrheingraben,die Rhein-Neckar-Region und die Region Stuttgart. Die Lösung: Mehr Bäume,entsiegelte Flächen,begrünte Dächer und Fassaden sowie Versickerungsflächen.
Gebäudebrüter müssen dabei von Anfang an mitgedacht werden,indem bei Neubauten und Sanierungen ausreichend hitzeresiliente Nistmöglichkeiten erhalten werden oder neu entstehen.
Auch in der freien Landschaft ist ein Umdenken nötig,weg von begradigten und eingetieften Gewässern,hin zu Flüssen mit Auen,die Wasser zurückhalten und in der Landschaft speichern können. Mehr grün-blaue Infrastruktur kühlt die Umgebung und schafft Lebensräume. Davon profitieren Menschen und Wildtiere gleichermaßen.
EU-Wiederherstellungsverordnung entschlossen umsetzen
Intakte Moore,Wälder,Auen,Gewässer und artenreiche Grünflächen speichern Wasser,kühlen ihre Umgebung und machen Landschaften widerstandsfähiger gegen Hitze,Dürre und Starkregen. Die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur ist deshalb ein wichtiges Instrument zur Bewältigung der Klima- und Artenkrise. Statt zu bremsen,muss sich Baden-Württemberg intensiv für eine ambitionierte Umsetzung dieser Verordnung einsetzen und die notwendigen Maßnahmen im Land zügig vorbereiten. Wird die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme weiter verzögert,droht der Verlust zahlreicher Arten und Lebensräume.
Wildtierauffangstationen und Ehrenamtliche dauerhaft unterstützen
Wer verletzte und hilfsbedürftige Wildtiere versorgt,übernimmt eine wichtige Aufgabe des Tierschutzes. Dieses Engagement braucht nicht nur anerkennende Worte,sondern auch ausreichend Kapazitäten und eine stabile Finanzierung. Das für Tierschutz zuständige Landwirtschaftsministerium ist gefordert,gemeinsam mit den betroffenen Einrichtungen und Verbänden ein landesweites System mit klaren Zuständigkeiten,fachlicher Beratung,Vernetzung und dauerhafter Finanzierung aufzubauen. „Die Helferinnen und Helfer können die Folgen immer neuer Extremwetterereignisse nicht dauerhaft mit privaten Mitteln und bis zur persönlichen Erschöpfung auffangen. Das Land muss jetzt Verantwortung übernehmen. Die Vorschläge liegen schon seit Jahren auf dem Tisch. Es ist gut,dass der Koalitionsvertrag vorsieht,diese jetzt endlich umzusetzen“,betont Enssle.
Erste-Hilfe-Tipps bei gefiederten Hitzeopfern
Akute Notfallhilfe:
Nistplätze in praller Sonne können zu Todesfallen werden. Damit junge Mauersegler und Schwalben nicht überhitzen,fliehen sie mitunter aus dem Nest. Wer an Hitzetagen,wie in den vergangenen Wochen,einen gefiederten Jungvogel (Ästling) unterm Nest findet,sollte erst prüfen,ob dieser von den Eltern versorgt wird. Ist der Vogel unverletzt,dann am besten in ein Gebüsch etwas erhöht setzen und dort in einer flachen Schale Wasser anbieten. Sind die Eltern da,kann der Ästling dort bleiben.
Bei unbefiederten Jungvögeln muss man prüfen,ob es im Nest zu heiß ist,um ihn dorthin zurückzusetzen. Bei hohen Außentemperaturen kann es in Nestern unterm Dach oder im Freien 60 bis 80 Grad heiß werden. Dann das Tier lieber in einen dunklen Karton mit Luftlöchern an einen kühlen Ort bringen und eine Auffangstation kontaktieren.
Ein junger Mauersegler am Boden braucht immer Hilfe,weil er nicht vom Boden losfliegen kann und auch nicht von seinen Eltern versorgt wird.
Langfristige Strategie:
Naturnahe Lebensräume für Vögel schaffen,damit sie der Hitze entfliehen können. Für ausreichend natürliche Nahrung wie Beeren,Insekten und Sämereien sorgen. Heimische Hecken und Bäume bieten Schatten. Heimische Stauden bieten Insekten Nahrung,welche wiederum für andere Arten die Nahrungsgrundlage darstellen.
Wasser bereitstellen: Flache Schalen mit rauem Boden mit frischem Wasser im Halbschatten aufstellen. Ein kleiner Stein in der Mitte dient Insekten als Landeplatz und Ausstiegshilfe. Die tägliche Reinigung der Tränke schützt Tiere vor Krankheiten.
Neue Nisthilfen so anbringen,dass sie nicht der ständigen Sonne ausgesetzt sind. Vorhandene Nester im Auge behalten und am Boden regelmäßig nach Hitzeflüchtlingen schauen.
Jetzt nicht den Garten mähen,denn das sorgt bei Pflanzen für zusätzlichen Hitzestress und kann zu einer Austrocknung der Pflanze und des Bodens führen.
Weitere Infos
Tieren in Not helfen – NABU BW
Hilfe für Vögel bei Hitze
Richtiges Aufhängen von Nistkästen – NABU BW
Bundesweite Karte mit Aufnahmestationen
Foto (Kathy Büscher,NABU Rinteln): Amseln
PM NABU Baden-Württemberg
